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Durchblick

Martins Brille

Es ist mir schon eine ganze Weile aufgefallen: Zum Beispiel an Straßenbahn-Haltestellen konnte Fräulein Anna schon sehr viel früher als ich auf den Anzeigetafeln erkennen, wann denn der nächste Transport möglich ist. Überhaupt fiel mir das Lesen von Schildern zunehmend schwer und ich hatte den Eindruck, dass meine Augen auch öfter mal müde sind und ein wenig schmerzen.

Nachdem ich das Thema dann eine ganze Zeit lang weiter ignorierte, spazierte ich vorletzte Woche aus einer Laune heraus in den Optikerladen meines Vertrauens und stellte mich mit den Worten „Hallo, ich glaube ich sehe schlecht!“ vor. Eine knappe Minute später saß ich dann auch schon vor einem Gestell, schaute durch ein Guckloch und ein Computer testete irgendetwas an mir herum. Anschließend wurde ich dann nicht wegen meiner Adleraugen des Ladens verwiesen, sondern der nette Mitarbeiter wollte dann direkt weiter testen. Nachdem ich einige Buchstaben nicht lesen konnte, er irgendwelche lupenartigen Gläser vor meine Augen hängte, stellte man dann fest: -1 Dioptrin auf beiden Augen und eine leichte Hornhaut-Verkrümmung. Martin ist also kurzsichtig. Prima! Ich solle mir dann doch schon mal ein Gestell aussuchen.

Wie kauft man eigentlich eine Brille?

Das stellte sich dann als wirklich schwierig heraus, vor allem da ich mir ja vorher mal ungefähr keine Gedanken dazu gemacht und noch viel weniger Ahnung hatte. Zum Glück waren sowohl Fräulein Anna als auch die freundliche Angestellte sehr geduldig mit mir. Unzählige Gestelle in allen möglichen Formen und Farben fanden sich auf meiner Nase wieder und ich wurde nicht so recht glücklich damit. Wie kompliziert das alles ist!
Zum einen soll das Ding ja irgendwie dauerhaft bequem auf der Nase sitzen, wie schätzt man das denn bitte nach fünf Minuten ein? Normalerweise trage ich nicht einmal eine Sonnenbrille wirklich gerne.
Zum anderen kauft man da etwas, was jeder Mensch direkt mit als erstes an einem sieht. Bekloppt! Natürlich bin ich maximal eitel und konnte mich nicht so richtig entscheiden und eine richtig Auswahl zu treffen.

Am Ende beschlossen wir dann, erst noch eine Nacht darüber zu schlafen. Zwei Modelle zwischen denen ich mich entscheiden musste, blieben übrig. Am nächsten Tag hatte ich mich dann aber auch irgendwie festgelegt und konnte der beruhigten Dame meine Bestellung aufgeben.

Und wie klappt das jetzt?

Gewöhnungsbedürftig ist das alles! Da ist nun so ein Rahmen am Rand des Sichtfeldes. Mit jedem Tag achte ich da weniger drauf, das ist schon mal gut. Aber er ist da. Bei vielen Sachen muss man dran denken, dass da nun dieses Nasenfahrrad mit unterwegs ist. Mal schnell den Pullover ausziehen oder die Kapuze aufziehen? Vorsicht!
Nach einigen Anfangsschwierigkeiten kann ich jetzt meine Kopfhörer auch wieder einige Stunden am Stück aufhaben, ohne das es drückt. Das hatte mir schon einige Sorgen bereitet.

Ansonsten stehe ich aber immer noch vor einer Menge offener Fragen: Wann hat man so eine Brille eigentlich auf? Und wann nicht? Wie ist das beim Zähne putzen?
Wie bitte soll ich denn nun auf der Seite liegend auf dem Sofa Filme schauen? Das drückt doch am Kopf!
Warum wird das Ding eigentlich so schnell schmutzig? Muss ich jetzt immer ein Putztuch mit mir herumtragen? Ich habe es ja schon gerne ordentlich und sauber, da ist eine Brille die ständig irgendwie vertatscht ist schon eher anstrengend.
Und irgendwann wird sicherlich auch die Angst abnehmen, dass mir die Brille beim vornüberbeugen von der Nase fällt.

Eine Sache hat mich ziemlich positiv überrascht: Als ich am Wochenende Abends einen Film auf dem Beamer schaute, war ich richtig geflasht wie scharf das Bild doch wirklich ist. Nicht, dass ich mich vorher hätte beschweren müssen – aber das ist mit Brille wirklich „Full HD“! Und auch sonst habe ich jetzt den Durchblick.