Wie ich einmal Fahrstuhl fuhr

Mein Heimweg führt mich täglich an den Bahnhof Köln West. Von der Arbeit sind es gute zehn Minuten zu Fuß. Eine Strecke, die ich als leidenschaftlicher Fußgänger gerne zwei Mal am Tag bewältige. Am Bahnhof angekommen muss man die Bahnstrecke unterqueren, da sie die Venloer Straße kreuzt. Erst dann gelangt man durch das Bahnhofsgebäude mit der schicken Kneipe unten drin auf den Bahnsteig. Genau unter dem Bahnhof liegt die Haltestelle „Hans-Böckler-Platz“ der KVB. Nun ist es so, dass diese drei Ebenen – die unterirdische KVB-Haltestelle, das Straßenniveau und der Bahnsteig – durch zwei Fahrstühle verbunden sind. Jeder auf einer Seite der Venloer Straße. Soviel zur Situation vor Ort. Viele werden es auch kennen.

Am gestrigen Abend lande ich aus irgendwelchen Gründen auf der falschen Straßenseite am Bahnhof. Also nicht auf der mit dem Bahnhofsgebäude, durch das ich zum Gleis gelangen könnte. Die Fußgänger-Ampel springt direkt vor meinen Augen auf das rote Signal, ich bleibe trotz ströhmendem Regen und kaltem Wind stehen. Vorbildlich!

Einige Meter neben mir befindet sich einer der oben beschriebenen Fahrstühle. „Fährst du heute halt mal mit dem!“ denke ich mir und drücke schon auf den Rufknopf. Die Wartezeit auf das Ankommen des Fahrstuhls reicht aus, um das Telefon aus der Tasche zu kramen und dann einen kleinen Boomerang für Instagram aufzunehmen.

In die Kabine einsteigend und den „Rauf! Zum Bahnhof!“-Knopf drückend bin ich gleichzeitig damit beschäftigt, meinem Instagram-Filmchen eine Ortsangabe hinzuzufügen und so bemerke ich zuerst nicht, dass irgend eine Trulla ebenfalls mit möchte und zusteigt. Sie drückt, wie kann es anders sein, den „Runter! Tief runter! Zur KVB!“-Knopf. Nagut. Als die Tür gerade zugeht, fährt ein Herr im Rollstuhl vor. Er möchte nach unten, ihm ist das aber zu eng. „Fahren sie, ich habe Zeit!“ sagt er. Aber da hat er ja nun nicht mit der Freundlichkeit von Frau Trulla gerechnet. Noch einmal wird die Fahrstuhltür am Zugehen gehindert, bis er sich durchgesetzt hat. Die Chance, dass wir nun endlich hinauf zum Bahnsteig fahren, liegt bei fünfzig Prozent. Eher ein bisschen mehr, da ich zuerst auf den „Nach oben! Ins Licht!“-Knopf drückte.

Der Fahrstuhl fährt nach unten.

Frau Trulla verlässt den Fahrstuhl. Auftritt Fernseh-Papa. So heißt der Mann in meinem Alter, weil er zwei Kinder dabei hat. Und einen originalverpackten Fünfundfünzig-Zoll-Samsung-Fernseher. Die beiden Kinder sitzen bequem in einem sehr großen Wägelchen mit großen Reifen. So einem, was man auch als Fahrradanhänger benutzen kann. Eigentlich eine praktische Sache. Wenn man halt nicht auch noch einen riesigen Bildschirm mit sich führt. Um die Sache zu beschleunigen helfe ich natürlich beim Einladen der schweren Pappkiste und drücke mich dann in die letzte Ecke der Kabine. Leider fehlen aber etwa zwei Zentimeter, um die Kinder samt ihrem Wägelchen komplett in den Fahrstuhl zu bekommen. Herr Papa scheint weder die Kinder, noch den Fernseher zurücklassen zu wollen. Also räumen wir um: Samsung-Kiste an die Rückwand der Kabine, Martin nebendran. Kinderwagen rein, Papa quetscht sich dazu. Die Fahrstuhltür schließt sich. Es geht nach oben.

Erneuter Halt auf der Straßenebene.

Der Herr im Rollstuhl freut sich ein bisschen, als er die Kabine wieder hochkommen sieht. Bemerkenswert unkompliziert laden der Papa und ich den Fernseher aus. Wir sind inzwischen ein eingespieltes Team. Schon drängelt die nächste Tante sich zwischen Kinderwagen, Pappkiste und Rollstuhlfahrer hindurch in den Fahrstuhl. „Wollen sie auch nach unten?“ fragt sie den Rollstuhlfahrer, als sie ihn und sein überrascht-ärgerlich-enttäuschtes Gesicht sieht. „Ja, aber mir ist es zu eng. Ich warte.“ Kurze Diskussion zwischen den beiden. Mir kommt das irgendwie bekannt vor.

Mit einem beleidigten „Dann halt nicht!“ drückt die Tante auf den „Abwärts! In die Katakomben der KVB!“-Knopf. „Hier haben wir es aber mit einem wirklich hilfsbereiten Exemplar zu tun! Was sind die Leute heute denn so nett?“ denke ich mir. Die Tür schließt sich, der Fahrtstuhl ruckt. Es geht nach oben.

Eventuell grinse ich. Todbringende Blicke treffen mich.

Als ich schließlich auf den Bahnsteig trete, sehe ich an dessen Ende noch die Rücklichter der Regionalbahn der Linie achtundvierzig nach Bonn Hauptbahnhof im Regen verschwinden. Nächster Halt, Köln-Süd. Ich stecke den Kopf zwischen die Schulter, ziehe die Kapuze fester zu und warte dann mal auf den nächsten Zug.