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Morgens beim Bäcker

Kurz nach neun Uhr bei HIT. Ich komme durch die Tür und laufe zielstrebig auf die integrierte Bäckerei aus der Kette von Gülcans Schwiegerpapa zu. Die ist dort genau gegenüber der Kasse. An eben dieser hat gerade eine Mutti ihre wirklich imposante Wagenladung Lebensmittel bezahlt. Wir sehen uns über zehn Meter Entfernung kurz in die Augen, ich kann erkennen wie ihre Pupillen schmaler werden. Mutti beschleunigt aus dem Stand, um vor mir an der Bäckerei-Theke zu sein. Das ist auch total notwendig, denn schließlich hat sie nur drei Meter zu überbrücken. Sie ist mir jedenfalls direkt unsympathisch.

Nun ist es so, dass ich immer noch ein wenig angeschlagen und außerdem am Morgen noch weniger Menschenfreund bin, als das sonst der Fall ist. Man sollte mir besser nicht auf die Nerven gehen. Ich denke mir „Mutti, kauf‘ dir ein ungeschnittenes Brot und zisch ab.“ Aber Madame hat andere Pläne. Zwei der drei beim Bäcker arbeitenden Menschen sind gerade schrecklich beschäftigt, aber eine Verkäuferin ist sogleich zur Stelle. „Hallo, ich hätte gerne 10 Brötchen und zwar… Ach, die haben sie ja gar nicht da.“ Ich ahne schlimmstes.

Frau Verkäuferin zwängt sich nun hinter der Theke hin und her, sucht hier ein Vollkorn-Brötchen, dort eine Semmel zusammen. Es ist ziemlich eng dort. Sogar dann, wenn nicht die gerade eingetroffene Brot-Lieferung auf einem Rollwagen rumsteht und zwei Mann mit dem Belegen von Brötchen beschäftigt sind. Da ich nicht auf mein Frühstück verzichten will, übe ich mich in Geduld. Und Zeit zum üben habe ich. Man lasse es mich so formulieren: Den Ausdruck „Bäckerei-Blitz“ verwende ich eher selten als Lob für besonders schnelle Bäckereifachverkäuferinnen.

„Und dann noch zwei von den belegten Käsebrötchen!“. Ich überlege Muttis Einkaufswagen umzuwerfen. Frau Verkäuferin bahnt sich derweil gutgelaunt quatschend den Weg von einem Ende der Theke zum anderen. Und wieder zurück. Und wieder hin. Denn natürlich muss man schön alles einzeln in die Kasse eintippen. Eventuell möchte ich auch ihr den Einkaufswagen an den Kopf werfen. Mutti wirft mir währenddessen einen herausfordernden Blick zu. Vielleicht habe ich ein wenig zu laut ausgeatmet. Aber ich darf das, schließlich ist meine Nase gerade wieder komplett zu. Außerdem ist mir in der dicken Winterjacke ein bisschen warm.

„Darf’s sonst noch was sein?“
Ich überlege, spontan Christ zu werden und um ein „Nein.“ zu beten.
„Nein…“
Ich atme auf, danke dem lieben Gott und zähle schon mal das Geld für meine beiden Schoko-Croissants ab.
„Vielleicht doch noch eins oder zwei von den Erdbeerteilchen.“
„Sie dürfen natürlich so lange einkaufen wie sie möchten!“ sagt der Bäckerei-Blitz mit viel aufmunternder Freundlichkeit in der Stimme. An dieser Stelle würden andere Menschen damit rechnen, dass sie gerade ein Opfer der „Versteckten Kamera“ werden. Ich nicht. Um meine Gewaltphantasien nicht ausleben zu müssen, zücke ich das Telefon. Twitter bewahrt Mutti vor körperlichem Schaden und mich vor einer Anzeige wegen Körperverletzung und Sachbeschädigung.

Die Verkäuferin quietscht „Möchten sie noch einen Kaffee dazu?“. Au ja, bitte! Den kippe ich den beiden dann schön über den Kopf. Mutti möchte mir aber heute scheinbar keinen Gefallen tun und ist nun fertig mit dem Einkauf. Dummerweise fällt ihr aber erst nachdem sie umständlichst das Kleingeld zusammengesucht hat (und der Bäckerei-Blitz ihr das Wechselgeld in Zeitlupe vorrechnete) ein, dass sie ja den Kassenzettel braucht. Während ich noch google, ob ich die Zutaten für eine kleine Splitterbombe auch bei HIT kaufen kann, erlöst mich dann einer der Brötchenschmierer glücklicherweise. Endlich.

Mutti steht immer noch da, als ich den Supermarkt schon wieder verlasse. Hoffentlich hat sich aus der Schlange hinter ihr ein schöner Lynchmob gebildet.

Rocco Schamoni – Dorfpunks

„Sag mal Martin – machst du eigentlich noch was anderes, außer lesen?“
Mache ich. Bestimmt erlebe ich auch bald wieder was spannendes.

Dorfpunks

Bis dahin sei jedem die Lektüre von „Dorfpunks„, geschrieben von Rocco Schamoni, empfohlen.
Vor ein paar Jahren hatte ich das Buch schon einmal gelesen, erinnerte mich aber nur noch das es mir gefallen hatte. Als ich es dieser Tage dann im Mängelexemplar-Buchladen meines Vertrauens entdeckte, musste ich natürlich direkt zugreifen.

„Dorfpunks“ erzählt Geschichten aus der Jugend Rocco Schamonis: Punk, Alkohol in rauhen Mengen, Gewalt, keine Lust auf nichts, Drogen, Pop, Musik, eine langweilige Ausbildung, Mädchen – und das alles mitten in der Einöde Schleswig-Holsteins. Einige Ausflüge nach Berlin, Kiel, Hamburg und auch einmal nach London bringen ein wenig Abwechslung.

Mehr als einmal brachten mich die Geschichten zum Lachen, zu gut kann man sich all die teils sehr merkwürdigen Situationen vorstellen in die Rocco mit seinen Freunden gerät.
Zumindest ich konnte mich gut in die Person hineinversetzen, fast ist es so, als hätte man selbst seine Jugend in den 80ern irgendwo auf dem Land verbracht.

Nun gilt es, auch noch die anderen Bücher des Autors aufzutreiben – zwei gibt es noch.