Sensationsgeil in Winnenden

Heute kam es zu einem Ereignis, von dem man nicht möchte das es passiert. Im Süden Deutschlands ist ein Schüler Amok gelaufen und hat dabei 14 Menschen und sich selbst umgebracht.
So etwas finde ich schlimm. Mir tut es leid um die Menschen die umgekommen sind und noch viel mehr um die Menschen, die heute jemanden verloren haben.

Doch wie sieht für den nicht näher betroffenen Bürger die wahrscheinlichste Reaktion auf so etwas aus? Ich für meinen Teil habe das Browserfenster geschlossen und weiter gearbeitet.
Für andere begann ein zusätzlicher Feiertag: Endlich ist etwas schreckliches direkt bei uns passiert! Endlich sind wir wer! Armes Deutschland.

Bei meinen späteren Streifzügen durch das Internet ist mir dann einiges übel aufgestoßen. Die einschlägigen News-Seiten haben sich dermaßen mit Nachrichten überschlagen, dass mir dabei fast schlecht wurde. Vor allem wenn man betrachtet, dass viele der „Aktuellsten Nachrichten“ sich innerhalb kürzester Zeit überholt hatten und viele schlicht weg falsch waren. Gerade von den „großen“ Nachrichtenseiten, wie etwa dem Spiegel, erwarte ich dann doch den „Qualitätsjournalismus“ den man dort immer predigt. Wer sich richtig aufregen möchte, sollte sich den twitter-Stream von Bild.de anschauen. Dabei kommt mir die pure Wut hoch.

Damit wären wir auch beim nächsten Thema: Noch mehr habe ich mich nämlich über die gesammelte Twitteria geärgert. Dort scheint man nämlich mit aller Gewalt schnell sein zu wollen um den Ruf des flotten Mediums waren zu können. Unzählige schrieben in den kümmerlichen 140 Zeichen, was sie aus Radio und Fernsehen und dem Internet so aufschnappten und überschlugen sich dabei fast vor Sensations- und Neuigkeitengeilheit, gepaart mit herzergreifender öffentlicher Erschütterung. Dass dabei die wirkliche Information auf der Strecke bleiben musste, ist klar. Zum einen lässt sich in 140 Zeichen nicht viel kommunizieren, zum anderen wurden so viele Dinge einfach mal weitergetratscht, dass eine Unterscheidung zwischen wahrem Sachverhalt und purem Gerücht nicht mehr möglich war. Eigentlich hatte ich den meisten Menschen in meiner Liste mehr zugetraut. Und eigentlich wäre das ((Wenn ich nicht was besseres zu tun gehabt hätte, nämlich arbeiten.)) der ideale Zeitpunkt gewesen, mal ein wenig auszusortieren.

Am Ende bleibt mir ein Gedanke: Ist es nicht genau das, was der Junge mit seiner Tat bezwecken wollte? Dachte er sich vielleicht: „Ich bring mal ein paar Leute um, dann sehen alle das es mich gibt und was ich drauf habe. Dann finden mich zwar alle scheiße, aber wenigstens achten sie mal auf mich.“
Geschehnisse wie die in Winnenden sind in meinen Augen ein letzter Hilferuf nach Aufmerksamkeit. Die sensationsgeilen Gerüchtejunkies unter uns hatten heute einen guten Tag. Die hauptberuflich erschütterten auch. Den Opfern und ihren Familien bringt das alles nichts.

Übrigens: Anderswo auf der Welt gibt es so Sachen wie Krieg oder schlimme Krankheiten. Da sterben jeden Tag hunderte und tausende von Menschen, die meisten unschuldig. Da ist nichts dran anders, als im aktuellen Fall. Die ganzen Profi-Erschütterten scheint das aber nicht zu interessieren. Daran kann man sich anscheinend nicht so gut aufgeilen. ((Und ab morgen rege ich mich dann über alle auf, die keine Ahnung haben und deswegen den „Killerspielen“ die Schuld geben.))

8 Reaktionen zu Sensationsgeil in Winnenden

  1. Sehr guter und richtiger Beitrag, aber mit den täglichen Kriegs- und Hungertoten (ca. 24.000 übrigens) lässt sich halt nicht so gut Quote machen und Aufmerksamkeit erheischen, dazu ist es „zu normal“.

  2. Sehr richtig: Quote ist damit nur noch einmal im Jahr drin. Kurz vor Weihnachten können wir alle mal in die Tasche greifen und unser Gewissen mit einer Spende für ein weiteres Jahr beruhigen.

  3. tja ein problem ist das mit dem journalismus, da muss man irgendwo grenzen sehen- das Geschäft von Medien sind nunmal Nachrichten, da fallen bei vielen schnell alle Grenzen, siehe Köln am Wochenende wir waren ja direkt am „Epizentrum“- überall Presse die jedes aufgefangene Gerücht und jede gefallene Träne im Bild haben wollten.
    Vielleicht sind die Kollegen einfach schon zu routiniert und vergessen manchmal den Menschen vor sich.

  4. Ich hatte einen angenehmen Mix in meinem Stream, schön gespickt mit dem notwendigen Galgenhumor. Wie sonst sollte man so einem Elend auch begegnen. Totschweigen oder krampfhaft ignorieren kann ich nicht … und gerade Twitter nehme ich eher als „stream of consciousness“-Medium wahr – wenn da aussortiert wird, ist es nur noch halb so interessant.

  5. Diese scheinheilige Betroffenheit ging mir teilweise echt extrem auf die Nerven. Und wenn ich dann Maßregelungen lese, weil jemand nen spaßigen Link ohne jeglichen Zusammenhang postet…

    Totschweigen würde ich auch nicht vorschlagen. Aber es muss doch nicht jeder für sich einen Newsdienst aufmachen. Einmal sein Mitgefühl aussprechen reicht.

  6. Ach, ich weiss nicht, inwiefern das scheinheilig war. Ich glaube, es geht einfach jeder anders mit sowas um. Ich beispielsweise habe am Abend auch sehr interessiert am Rechner die Nachrichten verfolgt (und zumindest teilweise kommentiert), weil es mir vorm nächsten „mimimimimimi Computerspiele sind schuld!“-Marathon graute, der ja mittlerweile anscheinend auch angepfiffen wurde.
    Ich folge aber, glaube ich, auch längst nicht so vielen Menschen wie Du, da ist’s vielleicht einfach überschaubarer. :)

  7. Mit „scheinheilig betroffen“ meine ich zum Beispiel „Das ist ja nur 100km von hier. Zwanghaft einen Bezug herstellen zu wollen, das finde ich schlimm.
    Schlimm genug, dass so etwas passiert – aber muss man versuchen sich in den Vordergrund zu rücken in dem man irgend einen persönlichen Bezug heraufbeschwört?

    Ich hab keine Angst vor der Computerspieldebatte: Zwar haben die ganzen Noobs in der Politik keine Ahnung und ich werd mich da auch sicher wieder ärgern, aber am Ende halte ich mich dann an folgendes:

    ein computerspiel ist wie ein steak… wenn mans blutig will nimmt mans englisch
    Quelle: twitter/@oddNina

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