Re: Protestwahl

ich habe es mir noch nie so schwer getan wie dieses jahr mit meiner entscheidung wen ich zur bundestagswahl wählen soll.

Felix Schwenzel schreibt mir in seinem Artikel Protestwahl nicht nur ein wenig aus dem Herzen. Ich mache mir schon ein paar Wochen lang, eigentlich immer wenn ich im Radio etwas zu politischen Themen höre oder im Internet dazu lese, Gedanken darüber wem ich diesen Herbst meine Stimme gebe. Dabei kristallisierte sich relativ schnell ein klares Problem heraus:

Mit gutem Gewissen kann ich vermutlich keiner Partei ein Kreuz machen, denn die dazu notwendige Vertrauensbasis ist irgendwie nicht da. Über den Begriff “Volksvertreter” lächele ich eher traurig, wenn ich mir anschaue was in Berlin so passiert. Ich habe nicht viel Ahnung von Sozialwesen, Außenpolitik und all den anderen wichtigen Themen einer Regierung. Deshalb muss ich darauf hoffen, dass die Menschen dort in meinem Namen ordentlich arbeiten. Aber wenn dann mal ein Thema ansteht bei dem ich mitreden kann, das sind meistens eher netzpolitische Geschichten, dann versagt das System jedes Mal kläglich. Da werden Entscheidungen auf der Basis von völlig irrwitzigen Annahmen oder auf Betreiben von Firmenlobbyisten getroffen, so dass mir sogar das Kopfschütteln schon schwer fällt. “Vertreten” fühle ich mich eher selten. Das geht mir schon länger so.

Dann kamen die Piraten. Zugegeben: Ich hatte ein kleines bisschen Hoffnung, dass sich vielleicht ein wenig was tut. Ich hoffte darauf, dass da engagierte Menschen den Laden vielleicht mal ein wenig aufmischen. Dass vielleicht ein paar Politiker der alten Garde aufmerksam zuhören würden.
Ich hörte einem Christopher Lauer und einer Marina Weisband recht gerne zu. Die sagten Dinge die ich auch sagen würde – wäre ich rhetorisch ein wenig besser aufgestellt. Doch schon kurz darauf konnte man dann vor allem noch mitlesen, wie die Piraten anfingen sich gegenseitig aufzureiben. Da brauchte es gar keine großen äußeren Einflüsse, das hat man ziemlich gut alleine hinbekommen. Schade.

Felix Schwenzel will am 22. September dennoch Piraten wählen:

nicht weil ich ihnen zutraue wirklich etwas zu ändern oder zu entern, nicht weil ich glaube, dass sie bald zu sinnen kommen und sich nicht mehr selbst oder gegenseitig zerreiben, sondern weil sie ein symbol dafür sind, dass sich etwas ändern muss und wir uns auf unsere demokratischen wurzel zurückbesinnen sollten.

Ich bin mir noch nicht sicher. Seinen Argumenten kann ich folgen, nicht-wählen kommt auch nicht in Frage. Aber vielleicht mache ich einfach nur ein großes Kreuz. Quer über den Wahlzettel.

4 Kommentare zu Re: Protestwahl

  1. Wenn Dir die Entscheidung schwer fällt, sagt das mehr über Dich aus, als über unsere Volksvertreter. Du schreibst, dass Du vermutlich bei keiner Partei mit gutem Gewissen ein Kreuz machen kannst. Dabei stand am 12.7. – dem Tag, an dem Du diesen Artikel veröffentlicht hast, noch gar nicht fest, welche Parteien auf dem Stimmzettel stehen werden. Die Frist dafür lief erst am 15.7. ab. Hast Du einem der 58 Anwärter dazu verholfen, auf den Stimmzettel zu kommen, damit wir alle mehr Auswahl haben? Offenbar nicht.

    Du mußt nicht, wie Du schreibst, hoffen, dass die Volksvertreter ordentlich arbeiten. Du (jeder Mensch) solltest eher fragen, nach welchen Standards Du persönlich leben möchtest. Was ist für Dich wichtig? Wenn es für Dich z.B. wichtig ist, selbstbestimmt zu leben, dann kannst Du die Deutsche Sozialversicherung nicht befürworten; ein Standard, in dem wir zu angeblicher Solidarität gezwungen werden.

    Eine Regierung ist ein Kodex, nach dem ein Volk leben will. Der Bundestag ist nicht die Regierung. Ich denke Du solltest nicht fragen, wen Du wählen willst. Frage, was Du wählen willst (frage Dein Gewissen).

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